Wir laden ein ...
 

… zu was ?

 

Wir laden Sie nicht zu besonderen Veranstaltungen und Feiern ein, sondern einfach dazu, sich auf einige Gedanken und Erfahrungen, Rückblicke und Vorblicke bezüglich der bei uns ja schon seit Ende der Karnevalszeit bestehenden Ausnahmesituationen einzulassen. Viel Freude beim Lesen!

Was nun? Mit dem Ausbruch der Kreise fiel fast alles, was normale Gemeindearbeit ausmacht, in sich zusammen – nicht auf einmal, sondern Stück für Stück. Zuerst traf es den für Aschermittwoch geplanten Schulgottesdienst und dann wie eine Domino-Bahn alles weitere: Gruppentreffen, Gottesdienste, Unterricht, Besuche, Sitzungen, Seminare, Taufen, Trauungen, Konfirmationen …

Fast alles wurde reduziert auf kontaktlose Kommunikation, selbst in der Seelsorge: Telefonate, Emails, Briefe, Videokonferenzen. Nur noch der kleinste Kreis im direkten Kontakt: Ilona Boms als Küsterin, Edith Ludwig im Gemeindebüro und ich als Pfarrerin. Ist das noch Gemeinde?

Was wird möglich, wenn kaum noch etwas möglich ist? Wie hält man Kontakt, begleitet gerade jetzt in der Krise die Gemeindeglieder, organisiert um, entwickelt neue Formen?

Wie gut allem zum Trotz Menschen zu haben, auf die Verlass ist, Menschen, die Ideen teilen, wie die zu den so gut angenommenen „Gottesdienst in Tüten“ vor der Kirchentür, Menschen, die Rückmeldungen geben, Verständnis zeigen, Frust teilen, bestärken, korrigieren, unterstützen …  Danke! Danke an Edith, Ilona, das Presbyterium, die Kollegen und Kolleginnen, den Besuchsdienstkreis, den Konfis und ihren Eltern, an die vielen Gemeindeglieder, die zusammenhalten und einander über die Krise helfen. Es tut mir gut, all das zu erleben.

„Einer trage des anderen Last, dann werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“, schreibt Paulus (Galater 6,3). Wie wahr! Mit Gottes Hilfe gehen wir auch als Gemeinde gestärkt aus dieser Zeit hervor.

Beate Dickmann, Pfarrerin

 

Als ich im März 2020 frohgemut und gestärkt durch Gottes Wort aus der Kirche kam, ahnte ich nicht, dass es der letzte Gottesdienst auf unbestimmte Zeit war. Kein Gottesdienst? Keine Predigt und viele Denkanstöße? Kein frohes und besinnliches Beisammensein? Kein Segen, der mir Kraft und Mut für meinen Alltag mit all seinen Herausforderungen gibt? Kein Austausch mit unseren Gemeindegliedern und den vielen lieben Menschen, die Woche für Woche alles vorbereiten, damit es uns in der Kirche gut geht? Keine Fürbitten, die mir helfen, meine kleinen und großen Sorgen voller Selbstvertrauen anzusehen? Keine Frauentreffen und Frühstücksfreude?

Die täglichen Nachrichten ließen nichts Gutes ahnen und je länger es dauerte, umso trauriger wurde ich. Unsere Kirche fehlt mir, so sehr, denn sie ist Familie, Heimat und Zuflucht für mich. Die schlimmsten Ereignisse in meinem Leben habe ich nur mit und durch unsere Kirche geschafft. Dort finde ich Halt und Zuspruch, werde angenommen und getröstet, wenn ich kurz davor war, jeden Halt zu verlieren.

Dann hörte ich von der „Hausandacht“, die man an der Kirchentüre abholen konnte. Eine Hausandacht? Wie soll das funktionieren? Liebevoll gestaltete Tütchen waren da mit einer Wäscheklammer an einer Kordel befestigt und sorgten für eine Überraschung: ich sah Liedtexte abgedruckt, Glaubensbekenntnisse, Gebete, Fürbitten, Psalmen, Bibeltext-Vorschläge, das Vater Unser und Gottes Segen! Meine Kirche war wieder ganz nah und ich spürte die Hoffnung, dass alles wieder gut wird, mit Gottes Hilfe!

Auch wenn die Kirchentüre verschlossen bleibt: mit der Hausandacht ist unsere Kirche ganz nah und dafür danke ich sehr herzlich.

Marion Hensen, Besuchsdienstkreis

 

Es ist ein ganz normaler Dienstag im Januar, 9.30 Uhr: Ich trinke gerade einen Kaffee und höre eine Türe zuschlagen. Kinderstimmen dringen hoch. Es wird gesungen. Einige Stunden später am selben Tag: Die Stimmen sind lauter. 21 Jugendliche treffen sich zum Konfirmandenunterricht. Stühle werden über den Boden geschoben. Oh nein, das heißt morgen wieder die Striemen vom Boden radieren. Mittwochmorgen, 9.30 Uhr: Der Boden ist sauber. 40 Frauen treffen sich im Gemeinderaum zum gemeinsamen Frühstück. Anschließend liegt noch stundenlang der Geruch von frischen Brötchen, Wurst, Kaffee und diversen Parfums in der Luft.  Frisch gelüftet am Donnerstagnachmittag: Der Frauenkreis trifft sich. Ein Busfahrer klingelt an der Haustür. Ein Auto stehe ungünstig. „Kein Problem!“ sage ich und bitte die Dame den PKW um zuparken. Am Freitag folgt das Spielefieber im Jugendheim. Es wird gebastelt. Dann ist Sonntag. Der Gottesdienst naht. Die Kirche ist gut besucht. Die Predigt ist schön und viele Besucher bleiben zum Predigtnachgespräch.

Es ist ein Dienstag im April. Das Einzige, was ich höre, ist Vogelgezwitscher. Im Gemeindezentrum herrscht Leere. Corona! Es ist still geworden. Zu still!

Ich vermisse meinen schrägen Ton sonntags beim „Halleluja“, die Fingerpatscher der Kleinsten an der Scheibe und auch das häufige Telefonklingeln. Vor allem fehlen mir die Menschen. Das „Hallo Hase, alles gut?“ vom Presbyteriumsmitglied, das schüchterne Lächeln der Konfirmandin, die auf den Beginn des Unterrichts wartet. Aber vor allem vermisse ich den Gottesdienst. Seit 31 Jahren besuche ich den Gottesdienst nahezu wöchentlich. Das fehlt!

Ich vermisse meine Freunde, mit denen ich walke. Es fällt mir schwer, meine Enkelin nicht zu umarmen. Meine Tochter musste ihre kirchliche Hochzeit verschieben und mit ihrem Mann alleine zum Standesamt fahren.

Wie geht man in diesen außergewöhnlichen Zeiten mit sämtlichen Entbehrungen um? Ich muss gestehen, mir fällt es schwer dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen. Der Alltag ist entschleunigt, aber wer mich kennt weiß, dass es bei mir kein „zu aktiv“ gibt. Ich habe gelernt, viele auch kleine Dinge zu schätzen und genieße auch kurze, räumlich entfernte Begegnungen. Der kurze Austausch am Dienstag mit der Sekretärin ist ein festes Ritual geworden und derzeitig mein berufliches Highlight. Statt das Abendmahl vorzubereiten und Lieder anzuschlagen, packe ich nun „Gottesdienst-to go-Tüten“. Jeden Abend um 19.30 Uhr läute ich die Glocken und entzünde eine Kerze im Fenster als Zeichen der Hoffnung.

Ich freue mich, wenn ich Sie und Euch alle bald wiedersehe. Für Sie ist alles vorbereitet. Sogar die Gesangbücher sind desinfiziert, die Schränke ausgewaschen. Das Gemeindezentrum ist steril.

„Und bis wir uns wieder sehen, halte Gott Dich fest in seiner Hand.“ (Irische Segenswünsche)

Ilona Boms, Küsterin

 

Ja, derzeit ist unser aller Leben vom Corona-Virus bestimmt. Einschränkungen sind an der Tagesordnung und betreffen Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren. Denen gilt mein ganz besonderes Mitgefühl. Wie schlimm muss es sein, über Wochen in seinem (Da)Heim ganz alleine auf sich gestellt zu sein, ohne den tröstenden Händedruck oder eine liebe Umarmung der Angehörigen? Und wie muss erst den Schwerkranken auf den Isolierstationen zumute sein, sozusagen ausgegrenzt vom Rest der Welt?

Allerdings fühle ich trotz dieser ganzen „Unwirklichkeit“ eine noch tiefere Dankbar-keit als gewöhnlich. Denn Gott sei Dank, ist weder jemand aus meinem familiären und beruflichen Umfeld, noch aus dem Freundeskreis gesundheitlich vom Virus betroffen. Und meine Arbeiten im Gemeindebüro gingen seit Beginn der Krise zu normalen Zeiten weiter, zwar anders, aber ein gewohnter Lebensablauf war alleine dadurch schon gewährleistet. Das ist in dieser Zeit nicht selbstverständlich!

Die Zusammenarbeit mit unserer Pfarrerin ist nun intensiver, da keine Außentermine stattfinden können, der erfreuliche Austausch mit unserer Küsterin und die netten Gespräche mit den Kolleg/innen, auch aus dem Verwaltungsamt, die weiterhin erreichbar sind, entweder im Homeoffice am Küchentisch oder wie immer an ihrem Schreibtisch – alles das sind Mut-Macher.

Doch bei aller Euphorie kann ich nicht verhehlen, dass mir – nicht nur privat, sondern auch in der Gemeinde – die Kontaktbeschränkung zu schaffen macht. Mir fehlt ebenso wie meinen Mitmenschen die Gemeinschaft: kein Gottesdienst, kein Singen, kein Kirchenkaffee, reduzierter Publikumsverkehr, keine Konfirmationen, Hochzeiten oder Taufen (aber wer weiß ... vielleicht bekommen wir in 8 bis 10 Monaten ganz viele Taufanfragen ...? :-)

Gleichwohl werden wir irgendwann auch diese Krise überstanden haben. Und dann, dann freuen wir uns auf einander, auf die Predigt, auf den Segen, auf das Orgelspiel, auf das Fragen: wie ist es dir in der Zwischenzeit ergangen? - und ich bin sooo gespannt, was jeder Einzelne zu berichten hat. Dann werden wir sagen: Auch wenn wir in den letzten Wochen nicht körperlich beieinander sein konnten, so waren wir doch im Geiste verbunden, mit allen unseren lieben Gemeindegliedern. #zusammen-halten. Diese Prognose macht mir Hoffnung!

Und in der Zwischenzeit vertraue ich ganz meinem Lebens- und Lieblings-Bibelvers:

„Schau zum Himmel, auf Gott. Er hat dir immer geholfen und steht dir auch in Zukunft bei. Unter seinem Schutz bist du sicher und geborgen. Verlass dich auf ihn. Er hält dich fest mit seiner starken Hand.“ (nach Psalm 63,8,9)

Edith Ludwig, Gemeindesekretärin

 

Den normalen Alltag gibt es seit Anfang März nicht mehr. Jetzt gibt es improvisiertes Arbeiten von zu Hause aus, mit Laptop auf dem Küchentisch, neben dem vollen Wäschekorb und Fragen meiner Kinder, was ich für das Mittagessen geplant habe. Arbeit im Büro auf der einen Seite, auf der anderen Seite Familienleben und Haushalt – das war bisher wohl sortiert und ziemlich streng getrennt. Ich vermisse meine Arbeitskollegen. Es gibt keinen Gottesdienst, keine Gemeindegruppen, keine Gemeinsamkeit in unserer Kirche. Eine schwierige Situation.

Meine Kinder waren seit über zwei Monaten nicht in der Schule. Sie bekommen Aufgaben, die sie zu Hause erledigen müssen. Häufig müssen mein Mann und ich hier anleiten, unterstützen, motivieren. Treffen mit Freunden, Training, Orchesterproben – das alles fällt für meine Kinder aus. Die Konfirmation meiner Tochter ist auf das nächste Jahr verschoben worden. Mein Sohn hofft, dass er im Sommer seinen 18. Geburtstag feiern kann. Eine schwierige Situation.

Meine Eltern und mein Schwiegervater sind 85 Jahre alt. Ich mache mir Sorgen um sie, ich kann sie nicht wie sonst besuchen. Der Geburtstag meines Schwiegervaters konnte nicht mit der ganzen Familie gefeiert werden. Meine Mutter, sonst so aktiv im Gemeindeleben, muss größtenteils zu Hause bleiben. Es kommen keine Freunde zu Besuch. Darunter leidet sie sehr. Eine schwierige Situation.

Aber es gibt auch eine andere Seite, viele Dinge, für die ich dankbar bin und die mir zeigen, dass es mir in dieser schwierigen Situation doch auch gut geht. Wir sind gesund. Unsere Existenz ist nicht gefährdet. Das Leben ist entschleunigt, in manchen Bereichen viel einfacher geworden. Es gibt mehr Zeit für Gespräche. Als wir in Quarantäne waren, ist eine Nachbarin wie selbstverständlich für uns einkaufen gegangen, eine Freundin hat ein „Care-Paket“ mit Nudeln und Marmelade geschickt.  Die „Gottesdienste in der Tüte“ geben mir Mut. Und abends tut es mir gut, um 19.30 Uhr ein Licht anzuzünden, dem Glockenläuten zuzuhören und an die Menschen zu denken, die mir wichtig sind – und Gott zu bitten, uns alle zu schützen und gut durch diese Zeit zu bringen.

Ruth Junglas, Presbyterin

 

In meiner kleinen Welt ist plötzlich alles verändert. Ich bin in eine Isolation gedrängt, die für mich persönlich schwer zu stemmen ist. Sämtliche Kontakte sind auf ein Minimum heruntergefahren. Familie, Freunde, Bekannte nur am Telefon oder Handy zu sprechen, ist zwar schön, aber kein Ausgleich. Besonders schwer ist für mich der fehlende nahe Kontakt zu den Kindern und Enkeln. Ich kann gar nicht mehr richtig Oma sein. Nur von der Haustür bis zur Bordsteinkante, das kann doch nicht reichen. Auch ein Video-Anruf ist kein Ersatz für eine liebevolle Umarmung der Enkelin. Hat es so etwas schon mal gegeben?

Konfirmationen fallen aus. Karfreitag vor dem Fernseher mit Kerze oder die „Hausandacht in Tüten“ von der Kirchentür, ist wenig tröstlich, im Gegenteil. Ich habe geweint. Ein Osterfest ohne Gottesdienst mit anschließender Familienfeier, wie sie bei uns Tradition ist, solange ich denken kann. Selbst die ganz „Alten“ sagen, dass sie das in schwersten Zeiten nicht so erlebt haben. Auch Gemeindeleben fehlt vielen, so wird mir erzählt. MIR AUCH! Viel lieber würde ich einen ganzen Gemeindesaal voller Frauen verwöhnen und auch meine Besuchsdienste persönlich ausrichten und nicht nur durch den Briefkasten.

Aber wir rücken auch ein bisschen enger zusammen. Viele liebe Grüße werden übersandt und Hilfsangebote erreichen mich von allen Seiten. Ich spiele Kurierdienst mit der ‚Andacht in Tüten‘ von der Kirchentür für die, die es selbst nicht bis dahin schaffen und liefere meiner Schwester frischen Spargel vor die Haustür, weil sie selber keinen besorgen kann und winke ihr nur zum Fenster hinauf. Wir waren beide zu Tränen gerührt.

Was bleibt uns also anderes übrig, als alle wohlmeinenden Gebote zu befolgen, zu hoffen und zu beten, auf dass wir bald eine Zeit nach Corona haben, in der wir alles besser zu schätzen wissen, was wir jetzt entbehren.

Ilona Buschfeld, Gruppenleiterin